Navigation
Blog Index
The journal that this archive was targeting has been deleted. Please update your configuration.
« Documenta 14 | Main | O Iglu »
Thursday
Oct092014

Der Iglu

Alles war dunkel. Die Leute schliefen. Nur das monotone Brummen vom Flugzeugmotor schien lebendig. Ich langweilte mich mit meinem Video-Spiel und legte es auf den Tisch vor mich.

Sie wohnen in Iglus, wie der von dem Museum im Park meiner Heimatstadt, oder der aus dem Fernseh-Cartoons, aus diesen Weihnachtsgeschichten. Ich werde in einem Iglu wohnen, in Bergen von Schnee.

Aus dem Fenster betrachtete ich die Wolken und den Mond.

Es wird weiß sein und eiskalt, ohne Bäume, ohne irgendwas. Nur Wasser, Eis und Himmel. Da ist Frost und Stille, und die Iglus sind eng. Ich werde kein eigenes Zimmer haben, und Spielzeuge passen auch nicht rein. Nur Eis und Himmel. Fahrrad fahren kann man auch nicht. Und das soll cool sein?

Traurig guckte ich zu Mutter, die schlief.

Ah! Aber ich werde einen riesigen Fisch angeln, den Größten, den es dort gibt. Ich werde Schlittschuh laufen und Berge runter rutschen und über das Eis schlittern. Es wird bestimmt lustig!

Mutter gähnte.

Mutter, wohnen sie in Iglus?

Mutter lachte.

Nein, Mäuschen, sie wohnen in normalen Häusern. Iglus gibt es in Alaska, in der Arktis. Da fliegen wir nicht hin.

Schade! Ich hatte mich schon an die Idee gewöhnt.

Und als später im Zug die ersten Häuser sichtbar wurden, waren es keine Iglus, und der Zug raste durch die Landschaft, durch Wälder und Felder, an Bahnhöfen, an Dörfern vorbei und ich konnte die Häuser kaum erkennen und ich starrte hinaus und wurde schließlich müde von diesem verrückten Film und schloss die Augen.

Ich wohnte dann in einer Wohnung in der Stadt, das war zwar kein Haus, aber sie war groß und ich hatte mein eigenes Zimmer, wenn es auch weder ein Iglu war, noch Schnee gab. Schade!

Guten Morgen, Frau Dabia!

So fing mein Leben in der Schule jeden Tag aufs Neue an. Ein paar Tage später habe ich schon angefangen mitzusingen: Guten Morgen, Frau Dabia! Ansonsten verstand ich gar nichts. Sie sprachen und ich guckte zu, sie sprachen und ich guckte zu. Nach einer Weile begann ich auch zu sprechen, zwar mit vielen Fehlern, aber das war mir egal. Die Lehrerin war nett. Sie redete mit mir mit Gesten, Mimik und machte Pantomime.

Ich ging oft spazieren, um die neue Stadt kennen zu lernen. Ich lief zu einem Shoppingcenter, so ähnlich wie das in meiner alten Stadt, ging zu wunderschönen Parks. Dort gab es Enten und Seen und sogar ein Schloss in der Mitte. Ich ging in Museen und fuhr nach oben auf den Fernsehturm, aß Eis. Es gab einen riesigen Flohmarkt am Samstag und manchmal wurden Straßenfeste gemacht. Die Stadt war klasse! Es machte Spaß, das Leben dort zu beobachten. Neue Sachen entdecken, in den Parks herumlaufen, die Enten füttern. Sogar Mutter mit den Supermarkttaschen helfen. Wir fuhren immer mit der U-Bahn, die alt und schmutzig war und einen einmaligen Geruch hatte. Aber sie war lang, fast schien sie mir unendlich.

Das Telefon klingelte nicht mehr so häufig wie bei uns damals. Mutter und ich hatten noch keine Freunde.

Aber das hat nicht lange gedauert.

Ich sprach mit Mutter in unserer Sprache. Ich zeigte ihr 1000 interessante Dinge, stellte 1000 Fragen und bat ständig um irgendwas. Mutter sagte, ich sei der größte Bettler gewesen, den sie je kennen gelernt habe. Ich sprach immer ziemlich laut und das hat uns geholfen mehr Leute kennen zu lernen. Mutter war eher still. Ich glaube, ihr war es peinlich etwas falsch zu sagen. Schon bald aber hatten wir einen Haufen Freunde.

Ich war in den Angelverein der Stadt eingetreten. Wir trafen uns manchmal außerhalb der Stadt am Wochenende, am Rand eines großen Sees. Wir lernten richtig zu angeln und übten die ganze Zeit, sogar bei Regen. Das war super! Nicht so toll war es allerdings in aller Frühe im Winter im fast gefrorenen Wasser zu stehen. Brrr! In dieser Zeit sprach ich auch die neue Sprache immer besser und lernte eine Menge interessanter Sachen über Angeln und Fische.

Eines Tages kam ich nach Hause, mit einem riesigen Fisch. Es war der Größte, den ich bis heute geangelt habe. Ich bekam einen Pokal vom Verein und durfte den Fisch lebendig mit nach Hause nehmen. Es waren ein paar Freunde zum Kaffee da.

Unter Mutters Protest setzte ich den Fisch in die Badewanne. Er fing wieder an zu schwimmen. Ich genoss meinen Fisch und meinen Sieg.

Die Freunde kamen, um meinen Fisch zu sehen. Danach kam Sebastian, mein Nachbar, der nicht glauben konnte, dass ich so einen riesigen Fisch geangelt hatte. Ich musste ihm genau erklären, wie ich das gemacht hatte. Alle Leute sprachen über meinen Fisch. Sogar Mutter war stolz, aber später hat sie die Badewanne desinfiziert. Ich hatte ein Buch über Fische und zeigte allen die Art meines Fisches.

Der Fisch schwamm und schien froh über so viele Zuschauer. Aber froher war ich, als Held des Tages. Die Szene von trinkenden Leuten im Badezimmer war wahnsinnig lustig.

In dieser Zeit fuhr ich schon mit meinem nagelneuen Fahrrad. Alle Leute fuhren Fahrrad. Ich fuhr wie der Teufel mit meinem, aber Mutter zwang mich Helm und Knieschützer zu tragen. Am Wochenende radelte ich im Park und wir machten Picknick. Es war fantastisch!

Eine andere sehr besondere Sache war der Weihnachtsmarkt. Alles war beleuchtet in der Mitte des Platzes, einfach wunderschön. Einmal flogen wir zurück in mein Land über Weihnachten und wir gingen vorher zum Weihnachtsmarkt, um ein paar Geschenke zu kaufen. Ich fand etwas Besonderes für meinen Onkel: Es war ein Hamburger genau wie von McDonalds. Ein perfekter Nachbau, nur lag in der Mitte statt einem Fleischklopsimitat ein Stück Scheiße aus Plastik. Ich hatte ihn schön eingepackt. Als der Weihnachtsabend kam, habe ich ihm in großer Spannung das Spezialsandwich geschenkt. Schon leicht misstrauisch öffnete er das Paket. Als er erkannte, was er geschenkt bekommen hatte, wurde er rot wie eine Languste. Ich dachte kurz, er wolle mich verprügeln. Alle lachten Tränen. Dann nahm er mich an den Füßen hoch, drehte mich und schüttelte mich. Damit nicht genug zog er mir meine Schuhe aus und warf sie aus dem Fenster der Wohnung meiner Oma in der 11. Etage. Trotz der Rache meines Onkels lachten alle unendlich. Meine Cousins erinnern sich bis heute an diese Geschichte. Es war ein tolles Weihnachten!

Aber nicht alles war Party in meinem Leben. Wir mussten umziehen. Ich hatte auch die Schule gewechselt und in der neuen Schule gab es leider keine Frau Dabia. Ich hatte viele Probleme mit einigen langweiligen Fächern und die Geheimnisse der Mathematik waren mir unverständlich. Warum musste ich all dies verstehen? Meine Noten krachten in den Keller, bis wir einen Nachhilfelehrer gefunden hatten. Es war hart und mehrmals wollte ich schon alles hinschmeißen. Aber der Nachhilfelehrer war nett und nach einer Weile habe ich einige dieser Fächer sogar gemocht.

Aber was ich wirklich mochte, war zeichnen und neue Sachen erfinden. Ventilatoren und Kakao-Mixer aus den alten Haar-Föhn-Teilen meiner Mutter konstruieren, oder Motoren für mein Legoauto entwickeln. Lustige Karikaturen von Menschen zeichnen.

Mutter sagte, dass ich ein bisschen unaufmerksam sei. Ich trat und stolperte ständig auf und über ihre Füße. Aber sie mag mich offenbar trotzdem.

***

Was für eine Überraschung zwischen alten Fotos diesen alten Text zu finden. Es war einer meinen damaligen Hausaufgabe, die ich unter dem Titel „Abenteuer einem Junger Mann“ geschrieben habe.

Als einen jungen Mann dachte ich, dass es 1000 Sachen gab, die ich gern über mein ausländisches Leben erzählen möchte, aber man hat nicht viel Zeit dafür. Und warum sollte man sich für die normalen Sachen, die ein Junge so macht, interessieren? Jungs in diesem Alter möchten die Nase überall reinstecken, Neuigkeiten erfinden, alles machen und sich als Helden fühlen, wie die aus den Cartoons, die wir lesen oder aus den Filmen, die wir sehen. Jungs sind alle gleich. Ich war nur noch einer. Ich habe nur gedacht, dass ich in einem Iglu wohnen würde. Eine verrückte Idee. Nicht so was wie zum Mars fliegen oder ein rotes feindliches UFO um Mitternacht treffen. Nicht so besonders.

Ich habe in dieser Stadt eine lange Zeit gewohnt, sogar Jahre. Danach fühlte ich mich dort nicht mehr fremd. Ich sprach wie sie, dachte gleich und träumte in ihrer Sprache. Eines Tages stand ich vor dem Spiegel und fühlte mich ähnlich wie sie.

Ich habe nur wenige Sachen, die mir passiert sind, und einige Leute, die ich kennen gelernt habe, nicht gemocht.

Ein Mal in der Schule versuchte ich mich mit einem Jungen zu unterhalten aber er schnauzte mich bloß sehr laut an: 'Verschwinde!' Ich kannte das Wort nicht, aber verstand, dass er mich beschimpfte. Das machte mich sehr traurig. Ich kam unter Tränen nach Hause. Ich hatte ihm nichts getan, damit er mich so verletzte. Mutter suchte im Wörterbuch und fand etwas wie 'Weggehen!' in unserer Sprache. Mutter sagte, dass der Junge vielleicht einige Probleme oder Bauchschmerzen habe. Sie tröstete mich und nach einer Weile fühlte ich mich besser. Aber ich habe trotzdem nie wieder mit dem Jungen gesprochen. Das war allerdings ganz am Anfang, als ich noch sehr fremd dort war.

Als ich später in mein Land zurückkam, war ich überrascht, weil ich mich auch in meinem Land und in meiner Muttersprache fremd fühlte. Ich war dort geboren und hatte dort jahrelang gelebt. Aber als ich wieder da war, fühlte ich mich halb, halb Eskimo unter diesen Menschen. Ich lebte dort mit diesem Gefühl wie mit einem Schatten. Ich habe mich nie an die Person gewöhnt, die ich damals war. Immer dasselbe Gefühl: Halb Eskimo zu sein.

Heute lebe ich in dem damals neuen fremden Land, das für mich nicht mehr fremd ist. Ich wohne weder in einem Iglu, noch fühle ich mich wie ein Eskimo. Aber die Idee in einem Iglu zu wohnen mag ich immer noch.